Ursprünge und Entwicklung der Fastnacht2020-05-04T19:55:22+00:00

Ursprünge und Entwicklung der Fastnacht

Ursprünge und Entwicklung der Fastnacht

Narrenmasken und Lebensrad

Narrenmasken und Lebensrad, Titelillustration der NS-Schrift „Deutsche Fastnacht“, hg v. Amt Feierabend (= Unterorganisation der NS-Organisation „Kraft durch Freude“), Berlin 1937

 

Die Fastnacht mit ihren Vermummungen wurde in der älteren deutschen Volkskunde von den sogenannten Mythologen des 19. Jahrhunderts gerne als „Relikt aus germanischer Vorzeit“ und als „uraltes heidnisches Winteraustreibungsritual“ interpretiert. Einen neuerlichen Höhepunkt erlebte dieses Deutungsmuster in der NS-Zeit, weil das Germanenmotiv die Ideologie einer nordischen Kultur stützte. Eine 1937 im Auftrag des Reichspropagandaministeriums herausgegebene Schulungsschrift zur „richtigen“ Feier der närrischen Tage im Sinne der NS-Volksgemeinschaft zeigt als Titelillustration zwei alemannische Masken auf dem Lebensrad, und das Wort „Fasnacht“ wird dort demonstrativ ohne „t“ geschrieben, um seinen Bezug zur christlichen Fastenzeit zu verwischen und einen Zusammenhang mit „faseln = fruchtbar sein“ zu konstruieren. Obwohl das Germanen- und Winteraustreibungsmotiv als Erklärungsmodell durch die neuere Forschung längst widerlegt ist, wird es wider besseres Wissen von Hobbyethnologen und teilweise auch von Medien noch bis heute wiederholt.

Narrenmasken und Lebensrad, Titelillustration der NS-Schrift „Deutsche Fastnacht“, hg v. Amt Feierabend (= Unterorganisation der NS-Organisation „Kraft durch Freude“), Berlin 1937

 

Die Fastnacht mit ihren Vermummungen wurde in der älteren deutschen Volkskunde von den sogenannten Mythologen des 19. Jahrhunderts gerne als „Relikt aus germanischer Vorzeit“ und als „uraltes heidnisches Winteraustreibungsritual“ interpretiert. Einen neuerlichen Höhepunkt erlebte dieses Deutungsmuster in der NS-Zeit, weil das Germanenmotiv die Ideologie einer nordischen Kultur stützte. Eine 1937 im Auftrag des Reichspropagandaministeriums herausgegebene Schulungsschrift zur „richtigen“ Feier der närrischen Tage im Sinne der NS-Volksgemeinschaft zeigt als Titelillustration zwei alemannische Masken auf dem Lebensrad, und das Wort „Fasnacht“ wird dort demonstrativ ohne „t“ geschrieben, um seinen Bezug zur christlichen Fastenzeit zu verwischen und einen Zusammenhang mit „faseln = fruchtbar sein“ zu konstruieren. Obwohl das Germanen- und Winteraustreibungsmotiv als Erklärungsmodell durch die neuere Forschung längst widerlegt ist, wird es wider besseres Wissen von Hobbyethnologen und teilweise auch von Medien noch bis heute wiederholt.

Alte Wurzeln

Mamoiada  – Mamuthones und Issohadores, Foto: Ralf Siegele

Fastnacht, die weit über den deutschsprachigen Raum hinaus in vielen Ländern Europas verbreitet ist, lässt sich nicht monokausal erklären, sondern hat mit Sicherheit mehrere Entstehungskontexte. Als älteste Wurzeln des Festes dürften wohl tatsächlich ländliche Rituale in Frage kommen, mit denen nach der Vegetationspause des Winters der Beginn des neuen Agrarzyklus gefeiert wurde. Auf diese früheste Brauchschicht gehen möglicherweise die nahezu überall von den Akteuren getragenen Schellen zurück, die ursprünglich aus der Vieh- und Weidewirtschaft kommen.
Jenseits der bäuerlichen Sphäre lieferte einen Grund für ausgelassenes Feiern am Übergang vom Winter zum Frühling im Mittelmeerraum sicher auch der römische Kalender mit seinen Festen um den Jahreswechsel, der nach altrömischer Tradition auf dem 1. März lag.

Mamoiada  – Mamuthones und Issohadores, Foto: Ralf Siegele

Fastnacht, die weit über den deutschsprachigen Raum hinaus in vielen Ländern Europas verbreitet ist, lässt sich nicht monokausal erklären, sondern hat mit Sicherheit mehrere Entstehungskontexte. Als älteste Wurzeln des Festes dürften wohl tatsächlich ländliche Rituale in Frage kommen, mit denen nach der Vegetationspause des Winters der Beginn des neuen Agrarzyklus gefeiert wurde. Auf diese früheste Brauchschicht gehen möglicherweise die nahezu überall von den Akteuren getragenen Schellen zurück, die ursprünglich aus der Vieh- und Weidewirtschaft kommen.

Jenseits der bäuerlichen Sphäre lieferte einen Grund für ausgelassenes Feiern am Übergang vom Winter zum Frühling im Mittelmeerraum sicher auch der römische Kalender mit seinen Festen um den Jahreswechsel, der nach altrömischer Tradition auf dem 1. März lag.

Römischs Theater

Zwei römische Theatermasken, Mosaik aus der Villa Adriana in Tivoli, 2. Jh. n. Chr., Rom, Musei Capitolini

 

Inwieweit konkrete römische Brauchelemente wie etwa der Rollentausch zwischen Sklaven und Herren anlässlich der Saturnalien, die üppige Außeralltäglichkeit während der Bacchanalien oder gar das Maskenwesen römischer Theatralität inhaltliche Auswirkungen auf die spätere Fastnacht hatten, ist fraglich. Plausibel hingegen scheint, dass durch das römische Festwesen zu den wohl noch weiter zurückreichenden agrarischen Feiern auch eine urbane Komponente trat. Ihre entscheidende Prägung und ihren eigentlichen Sinn aber erhielt die Fastnacht erst wesentlich später, nämlich im hohen Mittelalter durch den christlichen Kalender, der ihr die Funktion eines „Schwellenfestes“ vor der österlichen Fastenzeit gab. Erst dadurch kam es zu den Namen „Fastnacht“ (= Vorabend des Fastens) oder „Carnevale“ (von „carnislevamen = Wegnehmen des Fleisches“), die sich beide auf die nahende Abstinenzzeit beziehen.

Zwei römische Theatermasken, Mosaik aus der Villa Adriana in Tivoli, 2. Jh. n. Chr., Rom, Musei Capitolini

 

Inwieweit konkrete römische Brauchelemente wie etwa der Rollentausch zwischen Sklaven und Herren anlässlich der Saturnalien, die üppige Außeralltäglichkeit während der Bacchanalien oder gar das Maskenwesen römischer Theatralität inhaltliche Auswirkungen auf die spätere Fastnacht hatten, ist fraglich. Plausibel hingegen scheint, dass durch das römische Festwesen zu den wohl noch weiter zurückreichenden agrarischen Feiern auch eine urbane Komponente trat.

Ihre entscheidende Prägung und ihren eigentlichen Sinn aber erhielt die Fastnacht erst wesentlich später, nämlich im hohen Mittelalter durch den christlichen Kalender, der ihr die Funktion eines „Schwellenfestes“ vor der österlichen Fastenzeit gab. Erst dadurch kam es zu den Namen „Fastnacht“ (= Vorabend des Fastens) oder „Carnevale“ (von „carnislevamen = Wegnehmen des Fleisches“), die sich beide auf die nahende Abstinenzzeit beziehen.

Tierprodukte

Metzgerladen, Gemälde von Joachim Beuckelaer, um 1560, Neapel, Museo Nazionale Capodimente

Als letzte Möglichkeit üppigen Essens und Trinkens vor dem Osterfasten hatte die Fastnacht zunächst eine primär wirtschaftliche Funktion. Da wurden nochmals alle in der Fastenzeit nicht erlaubten Speisen genossen, vorrangig natürlich Fleisch, aber auch die ebenfalls unters Abstinenzgebot fallenden Produkte Milch, Eier, Butter, Käse, Schmalz und Fett. Zudem trank man nochmals kräftig Wein, während Bier als Grundnahrungsmittel in der Fastenzeit erlaubt war. Mit der ökonomischen Seite der Fastnacht ging natürlich von Anfang auch eine soziale einher, denn aus den üppigen Mahlzeiten entwickelten sich rasch Formen der Geselligkeit, vom gegenseitigen Beschenken mit „Fastnachtsküchlein“ bis hin zu gemeinschaftsstiftenden Elementen wie Musik und Tanz: Basis für alle späteren fastnächtlichen Inszenierungen. Das reiche Fleischangebot der Metzger vor Aschermittwoch, das so freilich nur wenigen zur Verfügung stand, wurde von Malern wie Joachim Beuckelaer eindrucksvoll verbildlicht.

Metzgerladen, Gemälde von Joachim Beuckelaer, um 1560, Neapel, Museo Nazionale Capodimente

Als letzte Möglichkeit üppigen Essens und Trinkens vor dem Osterfasten hatte die Fastnacht zunächst eine primär wirtschaftliche Funktion. Da wurden nochmals alle in der Fastenzeit nicht erlaubten Speisen genossen, vorrangig natürlich Fleisch, aber auch die ebenfalls unters Abstinenzgebot fallenden Produkte Milch, Eier, Butter, Käse, Schmalz und Fett. Zudem trank man nochmals kräftig Wein, während Bier als Grundnahrungsmittel in der Fastenzeit erlaubt war. Mit der ökonomischen Seite der Fastnacht ging natürlich von Anfang auch eine soziale einher, denn aus den üppigen Mahlzeiten entwickelten sich rasch Formen der Geselligkeit, vom gegenseitigen Beschenken mit „Fastnachtsküchlein“ bis hin zu gemeinschaftsstiftenden Elementen wie Musik und Tanz: Basis für alle späteren fastnächtlichen Inszenierungen. Das reiche Fleischangebot der Metzger vor Aschermittwoch, das so freilich nur wenigen zur Verfügung stand, wurde von Malern wie Joachim Beuckelaer eindrucksvoll verbildlicht.

Fastnacht und Fasten

Manuskript des Libro de Buen Amor von Juan Ruiz, um 1330/40, Inhaltsverzeichnis (von späterer Hand) mit dem Hinweis auf den Dialog zwischen Fastenzeit und Fastnacht, Madrid, Biblioteca Nacional España

Der Gegensatz der Speisegewohnheiten vor und nach Aschermittwoch fand in der Literatur schon bald Ausdruck in Streitgesprächen zwischen Fastnacht und Fasten. Zu den frühesten Belegen hierfür gehören die sogenannten „Contrasti“, kontroverse Dialoge, die etwa im Libro de Buen Amor des Juan Ruiz in Spanien bis in die erste Hälfte des 14. Jahrhunderts zurückreichen und den Konflikt zwischen Fastnachts- und Fastenspeisen schildern. Während die älteren Quellen nur schriftlich sind, wurde das Thema später auch zu einem beliebten Motiv der bildenden Kunst.

Fastnacht und Fasten

Kampf zwischen Fastnacht und Fasten, Pieter Bruegel Nachfolger, 3. Viertel 16. Jh., Boston (Massachusetts), Museum of fine arts

Vor allem in der niederländischen Malerei des 16. Jahrhunderts prägte sich ein fester Bildtypus aus, in dem die Personifikationen von Fastnacht und Fasten einander in einem grotesken Turnier bekriegen. Solche Darstellungen konnten von einfachen Duellen bis zu ganzen Schlachtszenen reichen. Das Motiv des Gefechts zwischen zwei konträren Zeiten passte übrigens gut zur Realität der Fastnacht, weil diese außer Essen, Trinken, Musik und Tanz schon früh auch wirkliche Turniere als Festelement kannte.

Kampf zwischen Fastnacht und Fasten, Pieter Bruegel Nachfolger, 3. Viertel 16. Jh., Boston (Massachusetts), Museum of fine arts

Der Gegensatz der Speisegewohnheiten vor und nach Aschermittwoch fand in Literatur und bildender Kunst schon bald Ausdruck in dem Motiv des Kampfes zwischen Fastnacht und Fasten. Zu den frühesten Belegen hierfür gehören die sogenannten „Contrasti“, allegorische Gedichte, die etwa im Libro de Buen Amor des Juan Ruiz in Spanien bis ins 14. Jahrhundert zurückreichen und den Wettstreit zwischen Fastnachts- und Fastenspeisen schildern. Während die älteren Quellen nur schriftlich sind, wurde das Thema vor allem durch niederländische Künstler des 16. Jahrhunderts zu einem beliebten Bildtypus, in dem die Personifikationen von Fastnacht und Fasten samt ihrem Gefolge einander in einem grotesken Turnier bekriegen. Solche Darstellungen konnten von einfachen Streitszenen weniger Personen bis zu vielfigurigen Schlachten reichen. Das Motiv des Gefechts zwischen zwei konträren Zeiten passte übrigens gut zur Realität der Fastnacht, weil diese außer Essen, Trinken, Musik und Tanz schon früh eben auch Turniere als Festelement kannte.

Heiliger Augustinus

Der heilige Augustinus am Schreibpult, darunter die sich bekämpfenden zwei Staaten Jerusalem und Babylon, kolorierter Holzschnitt aus: Aurelius Augustinus: De civitate Dei, Basel 1489, Basel, Universitätsbibliothek, Aleph H III 32:1, p. 18

Je stärker sich die Fastnacht zum öffentlichen Volksfest entwickelte, desto kritischer wurde sie von der Kirche beurteilt. Anstatt den Unterschied zwischen Fastnacht und Fasten nur im Antagonismus von Überfluss und Abstinenz zu sehen, hoben ihn die Geistlichen immer mehr auf eine theologisch-exegetische Ebene. Spätestens ab dem 15. Jahrhundert interpretierten vor allem Dominikaner- und Franziskanermönche die beiden gegensätzlichen Zeiten Fastnacht und Fasten zunehmend als Kontrast zwischen gotteslästerlichem und gottgefälligem Leben, indem sie sich auf den heiligen Augustinus bezogen, dessen Hauptwerk „De citivate Dei (= Vom Gottesstaat)“ ihnen hierfür als Grundlage diente. Der Titelholzschnitt einer 1489 gedruckten Ausgabe dieser Schrift zeigt im oberen Feld den Kirchenlehrer an seinem Schreibpult.

Wuescht aus Villingen, Foto: Ralf Siegele, www.ralfsiegele.de

Je stärker sich die Fastnacht zum öffentlichen Volksfest entwickelte, desto kritischer wurde sie von der Kirche beurteilt. Anstatt den Unterschied zwischen Fastnacht und Fasten nur im Antagonismus von Überfluss und Abstinenz zu sehen, hoben ihn die Geistlichen immer mehr auf eine theologisch-exegetische Ebene. Spätestens ab dem 15. Jahrhundert interpretierten vor allem Dominikaner- und Franziskanermönche die beiden gegensätzlichen Zeiten Fastnacht und Fasten zunehmend als Kontrast zwischen gotteslästerlichem und gottgefälligem Leben, indem sie sich auf den heiligen Augustinus bezogen, dessen Hauptwerk „De citivate Dei (= Vom Gottesstaat)“ ihnen hierfür als Grundlage diente. Der Titelholzschnitt einer 1489 gedruckten Ausgabe dieser Schrift zeigt im oberen Feld den Kirchenlehrer an seinem Schreibpult.

Jerusalem und Babylon

Der heilige Augustinus am Schreibpult, darunter die sich bekämpfenden zwei Staaten Jerusalem und Babylon, kolorierter Holzschnitt aus: Aurelius Augustinus: De civitate Dei, Basel 1489, Basel, Universitätsbibliothek, Aleph H III 32:1, p. 18

Das untere Feld desselben Holzschnitts visualisiert den Kerngedanken der Schrift, nämlich den Kampf des Gottesstaats und dem Teufelsstaat. Dieser wird versinnbildlicht durch die beiden gegensätzlichen Städte Jerusalem (links) und Babylon (rechts), die im einen Fall von Engeln und im andern von Teufeln bevölkert, miteinander im Streit liegen. Analog zu diesem augustinischen Zweistaatenmodell setzten die Prediger die Fastenzeit mit dem Gottesstaat und die Fastnacht mit dem Teufelsstaat gleich, indem sie die Tage vor Aschermittwoch als sündhafte Inszenierung definierten, bei der im wahrsten Sinne des Wortes noch einmal der Teufel los war, ehe die stillen Bußwochen vor Ostern den Menschen wieder die Augen für Gott öffneten.

Die einander bekämpfenden Staaten Jerusalem und Babylon, kolorierter Holzschnitt aus: Aurelius Augustinus: De civitate Dei, Basel 1489, Basel, Universitätsbibliothek, Aleph H III 32:1, p. 18

Das untere Feld desselben Holzschnitts visualisiert den Kerngedanken der Schrift, nämlich den Kampf des Gottesstaats und dem Teufelsstaat. Dieser wird versinnbildlicht durch die beiden gegensätzlichen Städte Jerusalem (links) und Babylon (rechts), die im einen Fall von Engeln und im andern von Teufeln bevölkert, miteinander im Streit liegen. Analog zu diesem augustinischen Zweistaatenmodell setzten die Prediger die Fastenzeit mit dem Gottesstaat und die Fastnacht mit dem Teufelsstaat gleich, indem sie die Tage vor Aschermittwoch als sündhafte Inszenierung definierten, bei der im wahrsten Sinne des Wortes noch einmal der Teufel los war, ehe die stillen Bußwochen vor Ostern den Menschen wieder die Augen für Gott öffneten.

Schweinsköpfiger Teufel

Schweinsköpfiger Fastnachtsteufel aus einer Schembarthandschrift, Nürnberg, 16. Jh., Los Angeles UCLA, Coll. 170. Ms. 351, oder: Teufel, Holzschnitt (Detail) aus einem Belial-Druck, Augsburg 1473   

Die kirchliche Deutung der Fastnacht als Ausdruck der sündhaften Welt, ihre buchstäbliche „Verteufelung“ von den Kanzeln herab, blieb nicht ohne Wirkung auf das Brauchgeschehen. Als früheste Maskengestalten, die sich in der Fastnacht nachweisen lassen, traten nämlich durchweg Teufel auf. In Braunschweig, wo sie im 15. Jahrhundert hordenweise herumliefen, nannte man sie „Schodüfel“, also „Schauteufel“. Aber auch in anderen Städten dominierten sie das Bild oder spielten zumindest eine wichtige Rolle. Ihr Aussehen orientierte sich an den Teufelsdarstellungen der spätmittelalterlichen Bildersprache. Ein nicht genau datierbarer schweinsköpfiger Fastnachtsteufel, der die Puppe eines entführten Kleinkinds mit sich trägt, ist durch mehrere Handschriften aus Nürnberg überliefert.

Schweinsköpfiger Fastnachtsteufel aus einer Schembarthandschrift, Nürnberg, 16. Jh., Los Angeles UCLA, Coll. 170. Ms. 351, oder: Teufel, Holzschnitt (Detail) aus einem Belial-Druck, Augsburg 1473   

Die kirchliche Deutung der Fastnacht als Ausdruck der sündhaften Welt, ihre buchstäbliche „Verteufelung“ von den Kanzeln herab, blieb nicht ohne Wirkung auf das Brauchgeschehen. Als früheste Maskengestalten, die sich in der Fastnacht nachweisen lassen, traten nämlich durchweg Teufel auf. In Braunschweig, wo sie im 15. Jahrhundert hordenweise herumliefen, nannte man sie „Schodüfel“, also „Schauteufel“. Aber auch in anderen Städten dominierten sie das Bild oder spielten zumindest eine wichtige Rolle. Ihr Aussehen orientierte sich an den Teufelsdarstellungen der spätmittelalterlichen Bildersprache. Ein nicht genau datierbarer schweinsköpfiger Fastnachtsteufel, der die Puppe eines entführten Kleinkinds mit sich trägt, ist durch mehrere Handschriften aus Nürnberg überliefert.

Narrenschiffe

Narrenschiffe mit Handwerkern, kolorierter Holzschnitt aus einer französischen Ausgabe von Sebastian Brant: Das Narrenschiff (dt. Basel 1494), Exemplar Dresden.

Um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert bekamen die Teufelsgestalten durch andere Fastnachtsfiguren Konkurrenz, und zwar durch die Narren, die den Teufeln bald auch zahlenmäßig den Rang abliefen. Der Typus des Narren war vor allem durch Sebastian Brants 1494 erschienenes Buch „Das Narrenschiff“ populär geworden, das rasch zum Bestseller aufstieg, indem es alle Torheiten der Welt als Folge epidemisch um sich greifender Narrheit erklärte. Der Narr wurde damit zum Signum einer ganzen Epoche, zum Sinnbild der Abkehr des Menschen von Gott und schließlich in der Fastnacht zu einer wirkungsvollen Komplementärfigur des Teufels. Besonders einprägsam war Sebastian Brants als Gegensatz zur rettenden Arche Noah gedachte Schiffsmetapher, wonach Narren aller Stände in kleinen, steuerlosen Booten auf dem Meer der Welt herumirren und ihrem Untergang entgegentreiben.

Narrenschiffe mit Handwerkern, kolorierter Holzschnitt aus einer französischen Ausgabe von Sebastian Brant: Das Narrenschiff (dt. Basel 1494), Exemplar Dresden

Um die Wende vom 15. zum 16. Jahrhundert bekamen die Teufelsgestalten durch andere Fastnachtsfiguren Konkurrenz, und zwar durch die Narren, die den Teufeln bald auch zahlenmäßig den Rang abliefen. Der Typus des Narren war vor allem durch Sebastian Brants 1494 erschienenes Buch „Das Narrenschiff“ populär geworden, das rasch zum Bestseller aufstieg, indem es alle Torheiten der Welt als Folge epidemisch um sich greifender Narrheit erklärte. Der Narr wurde damit zum Signum einer ganzen Epoche, zum Sinnbild der Abkehr des Menschen von Gott und schließlich in der Fastnacht zu einer wirkungsvollen Komplementärfigur des Teufels. Besonders einprägsam war Sebastian Brants als Gegensatz zur rettenden Arche Noah gedachte Schiffsmetapher, wonach Narren aller Stände in kleinen, steuerlosen Booten auf dem Meer der Welt herumirren und ihrem Untergang entgegentreiben.

Martin Luther

Martin Luther, Gemälde von Lucas Cranach

Infolge der Reformation erlebte die Fastnacht im 16. Jahrhundert eine deutliche Zäsur. Weil Martin Luther die Fastenzeit als eine von der römischen Kirche verordnete und biblisch nicht begründete Bußhandlung abschaffte, entfiel in denjenigen Städten und Territorien, die den neuen Glauben annahmen, der Anlass für die Fastnacht: Ohne vorösterliche Abstinenz auch kein Grund mehr für ein letztes exzessives Essen, Trinken und Feiern vor Aschermittwoch. Hinzu kam, dass Luther auch die von den Mönchsorden mit der Fastnacht verbundene Form der Katechese kategorisch ablehnte: Ein Kennenlernen der verkehrten Welt des Teufels in der Fastnacht, um dann beim Eintritt in die Fastenzeit umso bewusster zu einem gottgefälligen Leben zurückzufinden, widersprach seinen theologischen Prinzipien. Dadurch wurde die Fastnacht zu einem nur noch in katholischen Landschaften sinnvollen Brauch. In evangelischen Territorien erlosch sie meist von selbst.

Martin Luther, Gemälde von Lucas Cranach

Infolge der Reformation erlebte die Fastnacht im 16. Jahrhundert eine deutliche Zäsur. Weil Martin Luther die Fastenzeit als eine von der römischen Kirche verordnete und biblisch nicht begründete Bußhandlung abschaffte, entfiel in denjenigen Städten und Territorien, die den neuen Glauben annahmen, der Anlass für die Fastnacht: Ohne vorösterliche Abstinenz auch kein Grund mehr für ein letztes exzessives Essen, Trinken und Feiern vor Aschermittwoch. Hinzu kam, dass Luther auch die von den Mönchsorden mit der Fastnacht verbundene Form der Katechese kategorisch ablehnte: Ein Kennenlernen der verkehrten Welt des Teufels in der Fastnacht, um dann beim Eintritt in die Fastenzeit umso bewusster zu einem gottgefälligen Leben zurückzufinden, widersprach seinen theologischen Prinzipien. Dadurch wurde die Fastnacht zu einem nur noch in katholischen Landschaften sinnvollen Brauch. In evangelischen Territorien erlosch sie meist von selbst.

Sebastian Franck

Sebastian Franck (1499 – 1542), posthumer Kupferstich von Andreas Luppius, 17. Jh.

Was für eine Dynamik der Fastnacht in der katholischen Welt entwickelte, während sie in evangelischen Gebieten verschwand, erfahren wir aus dem „Weltbuch“ des reformierten Gelehrten Sebastian Frank von 1534. Er berichtet über die Fastnacht der Katholiken, dass dort Frauen in „Mannskleidern“ und Männer in Frauenkleidern zu sehen seien, falsche Mönche, Stelzengänger, Wilde Leute und Tiergestalten wie Affen, Störche, Bären und anderes mehr. Das Bild der Fastnacht war also, wo sie weiter stattfand, schon bald sehr vielfältig. Als Protestant nennt Franck das Treiben der Katholiken immer wieder „heidnisch“, also gottlos. Genau dieses Reizwort „heidnisch“ aus der Feder reformierter Fastnachtskritiker verleitete dann im 19. Jahrhundert die ältere Volkskunde zur Fehldeutung der Fastnacht als Relikt aus germanischer Vorzeit: Statt der aus protestantischer Sicht eigentlich gemeinten Bedeutung von „heidnisch“ als „außerchristlich = katholisch“ verstanden die Mythologen die Bezeichnung „heidnisch“ irrtümlicherweise als „vorchristlich = germanisch“.

Sebastian Franck (1499 – 1542), posthumer Kupferstich von Andreas Luppius, 17. Jh.

Was für eine Dynamik der Fastnacht in der katholischen Welt entwickelte, während sie in evangelischen Gebieten verschwand, erfahren wir aus dem „Weltbuch“ des reformierten Gelehrten Sebastian Frank von 1534. Er berichtet über die Fastnacht der Katholiken, dass dort Frauen in „Mannskleidern“ und Männer in Frauenkleidern zu sehen seien, falsche Mönche, Stelzengänger, Wilde Leute und Tiergestalten wie Affen, Störche, Bären und anderes mehr. Das Bild der Fastnacht war also, wo sie weiter stattfand, schon bald sehr vielfältig. Als Protestant nennt Franck das Treiben der Katholiken immer wieder „heidnisch“, also gottlos. Genau dieses Reizwort „heidnisch“ aus der Feder reformierter Fastnachtskritiker verleitete dann im 19. Jahrhundert die ältere Volkskunde zur Fehldeutung der Fastnacht als Relikt aus germanischer Vorzeit: Statt der aus protestantischer Sicht eigentlich gemeinten Bedeutung von „heidnisch“ als „außerchristlich = katholisch“ verstanden die Mythologen die Bezeichnung „heidnisch“ irrtümlicherweise als „vorchristlich = germanisch“.

Narr und Harlekin

Narr und Harlekin am Fastnachtsdienstag, Monatsbild Februar, Stich von Jan Caspar Philips, Amsterdam Mitte 18. Jahrhundert, Amsterdam Rijksprentenkabinet, RP-P-1910-2725

Im Lauf des 17. und vor allem des 18. Jahrhunderts verstärkten sich unter den Fastnachtsgestalten nördlich der Alpen zunehmend Einflüsse aus Italien. Neben die Teufel, die wilden Leute, die Tierwesen und insbesondere neben den klassischen Narren mit der Eselsohrenkappe, wie er durch Sebastian Brant populär geworden war, traten nun südeuropäische Gestalten: Bajazzo, Pulcinella, Domino und nicht zuletzt der Harlekin. Ein niederländisches Kalenderbild zum Monat Februar von Jan Caspar Philips aus der Mitte des 18. Jahrhunderts zeigt eine Fastnachtsdienstagsszene, in der sich der eselsohrige Narr alten Stils mit der Marotte und der italienische Harlekin mit Rautengewand und Pritsche begegnen.

Narr und Harlekin am Fastnachtsdienstag, Monatsbild Februar, Stich von Jan Caspar Philips, Amsterdam Mitte 18. Jahrhundert, Amsterdam Rijksprentenkabinet, RP-P-1910-2725

Im Lauf des 17. und vor allem des 18. Jahrhunderts verstärkten sich unter den Fastnachtsgestalten nördlich der Alpen zunehmend Einflüsse aus Italien. Neben die Teufel, die wilden Leute, die Tierwesen und insbesondere neben den klassischen Narren mit der Eselsohrenkappe, wie er durch Sebastian Brant populär geworden war, traten nun südeuropäische Gestalten: Bajazzo, Pulcinella, Domino und nicht zuletzt der Harlekin. Ein niederländisches Kalenderbild zum Monat Februar von Jan Caspar Philips aus der Mitte des 18. Jahrhunderts zeigt eine Fastnachtsdienstagsszene, in der sich der eselsohrige Narr alten Stils mit der Marotte und der italienische Harlekin mit Rautengewand und Pritsche begegnen.

Italianisierung der Fastnacht

Romantisierende Titelillustration des 1843 begonnenen Narrenbuchs von Tiengen am Hochrhein, Archiv der Narrenzunft Tiengen

Die Italianisierung der Fastnacht, die sich auch in der immer häufigeren Verwendung der romanischen Festbezeichnung „Carneval“ ausdrückte, erreichte im deutschen Sprachraum ihren Höhepunkt im 19. Jahrhundert. Nachdem die Aufklärung den am Ende des 18. Jahrhunderts vielfach zu derbem Unfug verkommenen wilden Treiben vor Aschermittwoch den Kampf angesagt hatte, wurde die Fastnacht wenig später vielerorts im Geiste der Romantik veredelt und zu einem bürgerlich-gesitteten Fest umgewandelt. Der entscheidende Impuls zu dieser Reform ging von Köln aus, wo 1823 mit einem Umzug völlig neuen Stils die Geburtsstunde des rheinischen Karnevals schlug. In den Folgejahrzehnten machte das Beispiel Köln auch im deutschen Südwesten Schule. Fast überall feierte man dort ebenfalls „Carneval“, bis dann im Süden, begünstigt durch den Historismus, kurz vor 1900 eine allmähliche Rückbesinnung auf die früheren Formen einsetzte und die einstige Fastnacht mit ihren alten Masken wieder die Oberhand gewann.

Romantisierende Titelillustration des 1843 begonnenen Narrenbuchs von Tiengen am Hochrhein, Archiv der Narrenzunft Tiengen

Die Italianisierung der Fastnacht, die sich auch in der immer häufigeren Verwendung der romanischen Festbezeichnung „Carneval“ ausdrückte, erreichte im deutschen Sprachraum ihren Höhepunkt im 19. Jahrhundert. Nachdem die Aufklärung den am Ende des 18. Jahrhunderts vielfach zu derbem Unfug verkommenen wilden Treiben vor Aschermittwoch den Kampf angesagt hatte, wurde die Fastnacht wenig später vielerorts im Geiste der Romantik veredelt und zu einem bürgerlich-gesitteten Fest umgewandelt. Der entscheidende Impuls zu dieser Reform ging von Köln aus, wo 1823 mit einem Umzug völlig neuen Stils die Geburtsstunde des rheinischen Karnevals schlug. In den Folgejahrzehnten machte das Beispiel Köln auch im deutschen Südwesten Schule. Fast überall feierte man dort ebenfalls „Carneval“, bis dann im Süden, begünstigt durch den Historismus, kurz vor 1900 eine allmähliche Rückbesinnung auf die früheren Formen einsetzte und die einstige Fastnacht mit ihren alten Masken wieder die Oberhand gewann.

Schwäbisch alemannische Fastnacht

#visitblackforest – Schwäbisch-alemannische Fasnet, Video: Chris Keller / Schwarzwald Tourismus

Wie im rheinischen Karneval werden heute auch im schwäbisch-alemannischen Raum die närrischen Tage längst nicht mehr als letztes Ventil vor der Fastenzeit gefeiert. Zwar besteht die kalendarische Bindung der Fastnacht ans Kirchenjahr nach wie vor fort, aber der Aschermittwoch bedeutet für die meisten Menschen keine Zäsur mehr. In einer Zeit fortschreitender Säkularisierung ist der religiöse Kontext in den Hintergrund getreten, und auch von Konfessionalität hat sich Fastnacht weitgehend gelöst. Heute sind es andere Beweggründe, die das Fest für Akteure und Zuschauer attraktiv machen: das gemeinsame Feiern, der Ausbruch aus dem Alltag, das Spiel mit der eigenen Rolle, das Erleben von Miteinander, das Zulassen von Emotionen, die Pflege von Tradition, Fröhlichkeit und vieles mehr. Kein anderes Fest hat in neuerer Zeit einen solchen Zuwachs an Vereinen, Zünften, Akteuren und Zuschauern erfahren wie die Fastnacht.

„Schuttig“ aus Elzach, Foto: Ralf Siegele, www.ralfsiegele.de

Wie im rheinischen Karneval werden heute auch im schwäbisch-alemannischen Raum die närrischen Tage längst nicht mehr als letztes Ventil vor der Fastenzeit gefeiert. Zwar besteht die kalendarische Bindung der Fastnacht ans Kirchenjahr nach wie vor fort, aber der Aschermittwoch bedeutet für die meisten Menschen keine Zäsur mehr. In einer Zeit fortschreitender Säkularisierung ist der religiöse Kontext in den Hintergrund getreten, und auch von Konfessionalität hat sich Fastnacht weitgehend gelöst. Heute sind es andere Beweggründe, die das Fest für Akteure und Zuschauer attraktiv machen: das gemeinsame Feiern, der Ausbruch aus dem Alltag, das Spiel mit der eigenen Rolle, das Erleben von Miteinander, das Zulassen von Emotionen, die Pflege von Tradition, Fröhlichkeit und vieles mehr. Kein anderes Fest hat in neuerer Zeit einen solchen Zuwachs an Vereinen, Zünften, Akteuren und Zuschauern erfahren wie die Fastnacht.

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